XI. Kulturpolitischer Salon:
Verlustgeschichten? - Erinnerungskulturen im östlichen Europa

am 15. September 2006

Die Kentauren der Erinnerung

von László Végel,
aus dem Ungarischen von Gabriella Gönczy

Ich lebe in Ujvidek, in der nordserbischen Region Vojvodina, an der Grenze zwischen Balkan und Mitteleuropa, in einer Stadt, die damals am ehemaligen Limes des Römischen Reiches an der Donau gebaut wurde. Diese Region war Jahrhunderte lang durch kulturelle und ethnische Multikulturalität gekennzeichnet, wie Danzig in den Werken von Günter Grass und das Triest von Claudio Magris. Die multikulturelle Tradition begann, als die Stadt im 17. Jahrhundert zu etwa gleichen Anteilen von Deutschen, Serben und Ungarn besiedelt wurde, nachdem die Habsburg-Monarchie das Gebiet von den türkischen Besatzern zurückeroberte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg veränderte sich die Zusammensetzung der Bevölkerung auf einen Schlag: 1944 bis 1945 wurden zahlreiche Minderheitenangehörige von den Serben ermordet. Allein in der Vojvodina wurden ungefähr 70.000 Deutsche und 20.000 Ungarn in Massengräbern bestattet. 200.000 Deutsche wurden vertrieben, sind geflohen oder nach Deutschland übersiedelt. Von den ursprünglich 300.000 Deutschen sind heute nur noch einige tausend geblieben. Auch von anderen Minderheitengruppen - Ungarn, Juden, Rumänen, Russen, Slowaken – gibt es heute wesentlich weniger in der Vojvodina, als vor dem Zweiten Weltkrieg. Eine vielfältige, multiethnische, europäische Region verschwindet allmählich vor unseren Augen.

In meinem Roman Ex-Territorium erzähle ich die Geschichte des Balkans vor der Folie meiner eigenen Familiengeschichte. Als Serbien, damit auch die Heimat der ungarischen Minderheit, die Vojvodina, im Frühjahr 1999 von der Nato bombardiert wurde, begann meine Mutter plötzlich über den Zweiten Weltkrieg zu erzählen. Zum ersten Mal hörte ich davon, dass in der Nähe meiner Geburtstadt Massengräber liegen, in denen auch Verwandte von uns bestattet wurden. Meine Mutter schwieg ihr ganzes Leben lang davon. Einfache Menschen schwiegen Jahrzehnte lang über diese fürchterliche Zeit, verdrängten die Erinnerung an das Grauen, bewahrten es als Rätsel auf. Nach vierzig Jahre zwangsverordneter Stille, nach 1990, hätte man endlich darüber reden können, man schwieg trotzdem weiter. Die Einzelheiten der Lebensgeschichten sind fest verriegelt, fester als man denken würde.

Bestürzt fragte ich meine Mutter, warum sie mir erst jetzt, fünfundfünfzig Jahre später davon erzählt, auch ich bin inzwischen sechzig Jahre alt geworden. Ihre Antwort war kurz und sachlich: sie schwieg, weil sie mir das Beste wollte. Erschüttert fragte ich, ob sie und mein verstorbener Vater während der vierzig Jahre ihrer Ehe über die Massengräber sprachen. Nie, kein Wort. Das Geheimnis zu bewahren war ihr unausgesprochenes Gelöbnis, um die Familie und sich selbst gegen das Verhängnis zu schützen.

Von totaler Amnesie der Erinnerung befallen befürchteten meine Eltern, wie die biblische Gestalt Loth, zur Salzsäule zu erstarren, wenn sie über die Vergangenheit reden. Auch mich wollten sie vor ihren Erinnerungen schützen.

Aber die Erinnerungen verfolgen uns – wie die Furien bei Czeslaw Milosz. Die Töchter der Nacht jagen uns nach, bestrafen uns für unsere uralte Schuld – und Unschuld.

Während die Nato unsere Stadt bombardierte und meine alte Mutter zum ersten Mal über die Massengräber des Zweiten Weltkriegs erzählte, hob die serbische Polizei und Militär Massengräber im Kosovo aus. Auch bei uns in der Vojvodina befiehl das serbische Militär der Zivilbevölkerung, Schützengräber gegen eine potentielle Bodenoffensive der Nato auszuheben. Vier Meter breit müssen die Gräber sein, sagten die serbischen Offiziere, damit die Panzer der Nato in unser Land nicht hineindrängen können. Die Erinnerungen wurden plötzlich lebendig: 1944 und 1945 mussten die Bewohner dieser Stadt vier Meter breite Schützengräber ausheben - aber das war ihr eigenes Grab. In der totalitären Diktatur war diese Erinnerung Tabu, verboten. Erinnerung war eine Sünde, sich erinnern war das Recht der Sieger. Totalitäre Systeme wollen nicht nur das offizielle Gedächtnis, sondern auch die Seele der Menschen, ihre persönlichen Erinnerungen beherrschen. Sie kontrollieren, an was man sich erinnern muss, an was man sich nicht erinnern darf.

Bei uns in der Schule wurde nur der ungarische und der deutsche Faschismus behandelt. Ich wurde erzogen, stets eine bis ins Unbewusste hineindringende Scham zu empfinden. 1942 wurden ca. dreitausend-sechshundert Juden, Roma und Serben aus Ujvidek von den ungarischen Pfeilkreuzern ermordet, die Greueltaten wurden als „kalte Tage” bekannt. Das kann man, darf man nicht verleugnen. Aber die darauffolgende Vergeltung, die Rache der Erinnerung, hätte man auch nicht verleugnen dürfen. Ostmitteleuropa und der Balkan lebt heute noch mit der selektiven Verdrängung und Hegemonie, mit der Rache der Erinnerung. Die Krieg führenden Parteien im ehemaligen Jugoslawien berufen sich auf die Erinnerung. Die Waffen „streiten sich” darüber, welche Erinnerung die gültige, die maßgebende ist. Die alten ethnischen Konflikte Ostmitteleuropas sind Produkte der Politik der Erinnerung und wurden durch den EU-Beitritt dieser Länder in die Europäische Union getragen. Nach der Wende waren populistische Bewegungen in Ostmitteleuropa zu beobachten. Die während der totalitären Diktatur verdrängten Erinnerungen überrannten die Gesellschaften; parlamentarische Mehrparteiensysteme wurden etabliert, aber die pluralistische Kultur der Erinnerung, der Geschichte konnten sie sich noch nicht aneignen. Wenn die serbische Gesellschaft den Völkermord an den Deutschen und Ungarn der Vojvodina von 1944 und 1945 verarbeitet hätte, dann wäre es vielleicht nicht zum Massaker von Srebrenica gekommen, dann wären die Massengräber im Kosovo 1995 und 1999 auch nicht ausgehoben.

Auf Konflikte reagiert der Mensch oft mit Schyzophrenie, sowohl individuell, als auch im Kollektiv. Die 1944 in die Vojvodina einmarschierenden kommunistisch-nationalistischen serbischen Truppen haben zuerst eine Synagoge zerstört. Nicht der Antisemitismus war der Beweggrund dieser niederträchtigen Tat, sondern der Terror der Erinnerung. Die Strategie des Erinnerns ist aus der Angst vor jeglichem Anderssein geboren, aber auch die Ankämpfer des Anderen tragen es in sich mit. Sie verdrängen es und verstümmeln sich selbst dadurch. In multiethnischen Regionen leben und lebten viele Familien verschiedener Nationalitäten, in der Vojvodina beispielsweise jüdisch-ungarische Familien. Die ungarischen Pfeilkreuzer haben viele jüdischen Mitglieder dieser Familien ermordet oder vertrieben, nur weil sie anders, eben Juden seien. Bei den Vergeltungsaktionen serbischer Partisanen wurden die ungarischen Mitglieder der gleichen Familien ermordet, nur weil sie Ungarn seien. Und diese absurden Geschichten nehmen kein Ende. Im Zweiten Weltkrieg haben viele serbischen Väter den einen Sohn zu den Kollaborateuren, den anderen zu den Kommunisten geschickt, um die Familie über den Krieg zu retten. Aus dieser absurden Konstellation ergab sich, dass die verbotene und offiziell gut geheißene Erinnerungen in den gleichen Familien neben einander leben. Die eine Erinnerung wurde von der Familie verdrängt, die andere wiederum glorifiziert. Die Rollen tauschten sich je nach politischer Lage, aber die eine Erinnerung unterdrückte immer die andere. Durch die spannungsbeladenen Erinnerungen sind die Gesellschaften in Ostmitteleuropa und im Balkan heute noch gekennzeichnet.

Den demokratischen Gesellschaften Westeuropas gilt oft die Kritik, weil sie sich auf die Gegenwart konzentrieren, die Erinnerung vernachlässigen. Für den Schriftsteller Tzvatan Todor ist auch das ein Weg der Barbarei. Aber wir in Ostmitteleuropa und im Balkan gehen wir einen anderen Weg der Barbarei: den der immerwährenden Verstümmelung der Erinnerung, des Machtmonopols der selektiven Erinnerung. Diese Erinnerungswelt ist konfliktbeladen, anarchisch. Nach der langen Herrschaft einer Partei wurde die parlamentarische Demokratie und das Mehrparteiensystem etabliert, aber die Macht über die Erinnerung ist im Einparteiensystem zurückgeblieben. Das politische Leben ist pluralistisch, die Erinnerung monoman. Es herrscht Frieden, aber unsere Erinnerungen sind ein Schlachtfeld. Unsere Gesellschaften sind die Kentauren der Erinnerung: ein Teil ihrer Erinnerungen werden offiziell glorifiziert, ein anderer Teil wiederum verdrängt, verboten, verschwiegen. Der Kampf der Erinnerungen wird im Alltag der einzelnen Menschen und des Kollektivs weitergeführt.